Anna Rossinelli - White Garden

Wer den «weissen Garten» betritt, den überkommt erst einmal ein Gefühl der Wärme. Bis wenige Sekunden später eine kühle Brise einsetzt: «It started with a flue. It ended in a mess». Der rhythmische Opener von Anna Rossinellis neustem Album könnte auch als Neustart verstanden werden und geht tief. Schnell wird klar: Irgendwo auf der Reise wurde Geschirr zerschlagen. Es wurden Zettel zerrissen, um später wieder neu zusammengeklebt zu werden. Das Leben als Vorlage für einen musikalischen Trip durch elf Songs, die vor allem eines zeigen: Das Trio um Anna Rossinelli ist gewachsen. Die Zeit wurde reif für das wohl beste Werk der zehnjährigen Bandgeschichte. 

Kaum eingetaucht, wird dem eingefleischten Rossinelli-Fan schnell klar: Hier ist etwas anders. Doch vertraut, aber irgendwie neu. Die elf Songs des neuen Albums umgibt eine angenehme Frische. Altbewährtes trifft auf Modernes, Analoges auf Digitales, Saiten- vermischen sich mit Synthi-Klängen. Als hätte man den neusten Wurf in ein elektronisches Basenbad getunkt. Zuständig dafür ist Pablo Nouvelle. Der Schweizer Elektronika-Musiker und DJ begleitete die Entstehung des vierten Langspielers als Co-Produzent. So treibt etwa ein pumpender Synthesizer den Eröffnungssong «Eyes Closed» vorwärts und erzeugt eine bedrohlich warme Atmosphäre, die einem fast den Atem raubt. Die Midtempo-Nummer «Feel It» – auf der Anna mit Manuel Felder (The Gardener & The Tree) zusammenspannt – könnte während einer durchtanzten Nacht in der dunkelsten Club-Ecke entstanden sein. 

Es sind aber nicht nur die elektronisch angehauchten Tracks, die Anna Rossinelli in ein neues Licht tauchen. So glaubt man sich im Titelsong «White Garden» irgendwo in einer Disco der 80er wiederzufinden. «Jewellery» etwa hätte Destiny’s Child in den Nullerjahren als R’n’B-Perle gut gestanden. Und «Hold Your Head Up» zeigt Anna Rossinelli so zerbrechlich, wie man sie wohl noch nie erleben durfte. Die Midtempo-Ballade trifft in Herz und Bauch eines jeden, dem Schmerz und Gefühlschaos nicht fremd sind. «I turned myself into a tragic memory» – die Baslerin lässt uns an ihrem Leben teilhaben und macht klar: Die letzten Jahre waren ein Auf und Ab: Liebe, Musik, Trennung, Schmerz, Neuanfang, Musik. Was nach einem grossen Drama klingt, sieht die Sängerin und Musikerin heute äusserst reflektiert: «Was einem Menschen im Leben wiederfährt, das prägt ihn auch. Man geht vorwärts, man verändert sich». 

All dies ist vergleichbar mit einem grossen «weissen Garten», in dem die Zähler auf Null zurückgestellt werden. Darin gilt es, all die sonst so bunten Dinge neu zu bemalen und neu zu gestalten, um schlussendlich einen Neuanfang zu wagen und das Leben in all seinen Facetten zu geniessen.

 

Anna Rossinelli im Interview bei Anne Moser

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